
Wir üben Widerstand
- 1. Der erste Feind kommt von innen − aus unserem Herzen
- 2. Der zweite Feind kommt von außen
- 3. Der dritte Feind kommt aus dem Abgrund − von unten
Jesus aber, ergriffen vom Heiligen Geist, verließ die Jordangegend und wurde in die Wüste geführt, hierhin, dorthin, im Kreis, 40 Tage lang, der Einsamkeit preisgegeben. Da überfiel ihn Hunger. In dem Moment trat der Versucher zu ihm: „Du bist doch Gottes Sohn! Befiehl diesem Stein hier: werde Brot!“
Jesus antwortete ihm: „In der Heiligen Schrift steht: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Da führte ihn der Versucher hinauf, auf einen Berg, und zeigte ihm die Herrlichkeit aller Reiche dieser Welt: „Schau, dies alles ist mein. Ich kann dir Macht geben über dies alles. Verneige dich vor mir. Küss meine Füße. Und alles, was mir gehört, ist dein.“ Doch Jesus antwortete: „Geschrieben steht:
Du sollst dich allein vor Gott verneigen, vor Gott, dem HERRN, und ihm allein dienen.“
Da führte ihn der Versucher nach Jerusalem, und hob ihn auf das Dach des Tempels, ganz nah an den Rand. „Wenn du doch Gottes Sohn bist, dann spring. Es heißt doch in der Schrift: „Er wird seinen Engeln befehlen, dass sie dich behüten und du deinen Fuß nicht an einem Stein stößt. Es kann dir nichts passieren.“ Doch Jesus antwortete ihm: „Geschrieben steht: Du sollst Gott, deinen HERRN, nicht versuchen.“ Da endlich gab ihn der Versucher frei. Doch nicht für lange. Er wartete auf eine günstige Stunde.
Lukas 4, Übersetzung von Walter Jens
Martin Luther hat gesagt: „Mit der fünften Bitte lege ich mich schlafen, und mit der sechsten Bitte stehe ich am Morgen auf. Am Abend, wenn ich mich zu Bett lege, dann schaue ich zurück auf den Tag, und spreche: Vater, vergib….“ Ich lege all das, was ich getan habe und das, was ich versäumt habe, in Gottes Hände. Und was für Hände das sind, das wissen wir durch Jesus. Es sind barmherzige Hände. Hände, die mild zurechtrichten und aufrichten.
Das ist wohl das Kostbarste am Christsein, dass wir uns selber anschauen dürfen als Begnadete, genauer gesagt: als begnadete Sünder. Als Menschen, die so wie sie sind, angenommen, geachtet und geliebt sind von Gott. Das macht uns unendlich kostbar. Und in dieser Gewissheit dürfen wir am Abend die Augen schließen und einschlafen. Und dann kommt der nächste Tag, der nächste Morgen. Wir machen die Augen auf und sehen den Tag, der kommt, das, was vor uns liegt und sprechen: Führe uns nicht in Versuchung.
Denn das wissen wir und kennen wir ganz gut, dass unser Leben, gerade auch unser Christenleben, versuchlich, angefochten, gefährdet ist. Das Leben als Christ ist kein Sonntagsspaziergang, sondern ein immer neuer Kampf. Jesus sagt sogar: Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.
Wir wissen also, dass jeder neue Tag uns neue Aufgaben, neue Herausforderungen und neue Versuchungen bringt. Darum ist es gut, wenn wir mit dieser Bitte den Tag beginnen: Vater im Himmel, führe uns nicht in Versuchung. Das heißt: Vater im Himmel, ich brauche dich, deine Hilfe, deinen Schutz, auch an diesem neuen Tag.
Es gibt bis heute Menschen, die sich an dieser Bitte stören. Kann es denn sein, dass Gott uns in Versuchung führt? Heißt es nicht sogar ausdrücklich im Neuen Testament: Es soll keiner sagen, Gott habe ihn in Versuchung geführt. Es ist die eigene Begier, die dich verlockt und in Versuchung bringt (Jak 1,14).
Man hat darum versucht, diese Bitte anders zu interpretieren, z. B. Vater, führe uns durch die Versuchung hindurch oder aus ihr heraus. Oder: Vater, bewahre uns vor der Versuchung, schütze uns davor. Eine interessante Übersetzung findet man im Judentum: Lass es nicht zu, dass wir mit der Versuchung einig gehen, ihr zustimmen, ihr nachgeben… Das sind alles einleuchtende Gedanken, aber sie weichen auch ein bisschen dem Stachel aus, der in dieser Bitte steckt.
Walter Lüthi, der große Prediger am Berner Münster, sagte dazu provokant: „Kann und darf Gott in Versuchung führen? Wie wenn Gott uns zuerst fragen müsste, was er darf und nicht darf, was er kann und nicht kann.“ Und fährt dann fort: „Nehmt doch diese Bitte als ein Geschenk! Seid doch froh und dankbar, dass Gott dem Versucher nicht einfach freie Hand lässt über euch. Dass der Teufel kein freier Mann ist. Bist du nicht froh, dass bei allen dunklen Machenschaften und Verstrickungen dir eine Zuflucht gegeben ist bei Gott, zu dem du beten darfst, den du bitten darfst, weil er das letzte Wort hat, und der Versucher unter seiner Zensur steht?“
Führe uns nicht in Versuchung. Wer so betet, der weiß, dass Gott alles, aber auch wirklich alles, in seiner Hand hat und dass er der einzige ist, der unser Leben zu bewahren und zu führen vermag. Ein Christ ist ein begnadeter Mensch. Aber ein begnadeter Mensch ist auch ein gefährdeter Mensch. Einer, der in besonderer Gefahr ist und um Jesu willen in Gefahren kommt. Die alten Kirchenväter haben diese Gefahren, diese Feinde, wie sie sie nannten, in drei Hauptgruppen unterteilt.
1. Der erste Feind kommt von innen − aus unserem Herzen
Wir haben vorher schon gehört, was der Apostel Jakobus schreibt: Unsere eigene Begier ist es, die uns in Versuchung führt. Da gibt es kein Herausreden und keine Entschuldigung. Die Versuchungen beginnen im eigenen Herzen. Und auch wenn uns unsere Sünden vergeben sind, so bleiben wir dennoch Sünder. Begnadete Sünder, das ist der treffende Ausdruck.
Jemand hat gesagt, es sei mit der Sünde wie mit den Haaren, man schneidet sie ab – aber sie wachsen nach. Und je mehr wir sie schneiden, desto üppiger wachsen sie. Es soll keiner denken, er sei schon über den Berg. Er hätte es geschafft und hätte die Sünde hinter sich gelassen. Wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle (1.Kor 10,12).
Die Versuchung, die von innen kommt, kann den Namen Überheblichkeit tragen, oder den Namen Verzagtheit, dass ich an mir zweifle und verzweifle.
Darum will Jesus, dass wir so beten: Vater, führe uns nicht in Versuchung. Vater, gib, dass ich nicht meine, ich hätte es schon geschafft, oder ich müsste es ohne dich schaffen. Gib, dass ich deine Gnade recht verstehe und immer neu aus ihr heraus lebe. Denn die Gnade soll uns nicht etwa faul machen, sondern will uns wachsam machen, fit machen fürs Leben.
2. Der zweite Feind kommt von außen
Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Sünder aller Art.
So gibt es Lebenslagen, in denen wir besonders versuchlich sind. Man spricht von der Versuchung von rechts oder von links. Das ist nicht etwa politisch gemeint. Die Versuchung von links ist die Versuchung der Schwäche. Man kann in Armut geraten, oder schwer krank werden, oder die Arbeit verlieren, verleumdet werden. Wir werden geschlagen vom Schicksal und Gottes Gnade wird uns dann verdunkelt, wir beginnen an ihm zu zweifeln. Wir bekommen den Eindruck, Gott habe uns fallen gelassen oder sich von uns abgewandt. In dieser Anfechtung gilt es, Widerstand zu leisten. Der beginnt damit, dass wir Gott auf den Plan rufen und ihn bitten: Führe uns nicht in Versuchung. Mit dieser Bitte beginnt unser Widerstand gegen die Versuchung der Verzagtheit.
Es gibt auch eine Gefahr von rechts. Man kann nämlich Erfolg haben, aufsteigen, Karriere machen, jahrelang keinen Arzt brauchen, es zu Wohlstand gebracht haben und viele gute Tage erleben. Das kann uns auch gefährlich werden. Indem man sicher und selbstzufrieden wird, und meint, man habe es selbst verdient, man verdanke das alles sich selbst. Und man nimmt die größten Gottesgaben auf der Erde und in der anderen Welt als ein Recht, als etwas, was einem zusteht – ohne jede Demut und Dankbarkeit. Auch hier hilft uns diese Bitte weiter: Vater, führe uns nicht in Versuchung. Zünde uns ein Licht an, dass wir die Gefahren erkennen, bevor es zu spät ist.
3. Der dritte Feind kommt aus dem Abgrund − von unten
Seid nüchtern und wachsam (1.Petr 5,8), sagt die Bibel, denn der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann. Es liegt mir fern, den Teufel zu predigen. Ich bin da kein Kenner. Aber eines ist gewiss: Es gibt eine Macht, die stärker ist als wir, die uns überwältigen kann, einen Feind, dem wir nicht widerstehen können – wenn Gott uns nicht zu Hilfe kommt. Karl Barth sagt treffend: „Man muss wissen, der Teufel existiert, aber dann muss man sich beeilen, sich von ihm zu entfernen und bei Gott Schutz zu suchen.“
Im Text aus dem Lukasevangelium haben wir es gehört: Der Versucher lässt von Jesus ab, als dieser sich unter Gott stellt. In den Psalmen heißt es: Der HERR ist meine Burg – das ist ein schönes Bild. Wenn ich mich in Gott hineinflüchte, dann kann der Feind mich nicht angreifen.
Vater, führe mich nicht in Versuchung. Diese Bitte weiß um den Sieg. Sie weiß, dass es nicht nur darum geht, dass ich der Versuchung nicht ausgesetzt werde, sondern dass Gott selber die Pläne des Feindes durchkreuzt und ihn ein für allemal besiegt hat. Diese sechste Bitte ist kein Stoßgebet, kein Seufzer, es ist eine sichere Sache, ein Wissen, dass Gott immer der Stärkere und allen Feinden überlegen ist.
Nehmen wir diese Bitte als ein Geschenk. Dass wir eine Zuflucht haben, eine feste Burg, bei dem Gott, der das letzte Wort hat und die Pfeile des Bösen auszulöschen vermag und den Sieg davon trägt.