Was ist der Mensch? Biblische Grundworte zum Menschsein. Bild einer Griechischen Statue.

Was ist der Mensch?

Biblische Grundworte zum Menschsein

Das Leben stellt viele Fragen. Große und kleine, alltägliche und lebensweisende. Aber diese eine ist die Frage aller Fragen: Was ist der Mensch? König David hat sie in Psalm 8 wie folgt gestellt: Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Es ist kein Zufall, dass diese Frage im ersten Teil unserer Bibel auftaucht. Denn alles Wesentliche über Gott und Mensch steht bereits im Alten Testament.

Der Mensch kann nur coram Deo erkannt werden

Psalm 8 beginnt mit einer Feststellung: Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Bevor die Frage nach dem Menschen gestellt wird, wird etwas über Gott ausgesagt. Das entspricht der Schöpfungswirklichkeit: zuerst war Gott, dann sind wir Menschen geworden. Nur weil der Ewige sein Schöpfungswort hat erklingen lassen, sind wir ins Leben gerufen worden. Und es bleibt fortan dabei: Gott spricht – der Mensch entspricht. Das gilt auch für die Frage „Was ist der Mensch?“ Gerhard Ebeling stellt fest: „Der Mensch ist in erstaunlichem Maße darauf angewiesen, wie über ihn geurteilt wird. Er hungert nach Anerkennung, nach einem freundlichen Wort, nach Verstehen und Mitgefühl und leidet unter Nichtbeachtung, Zurücksetzung, Unverständnis und Gefühllosigkeit.“ 1 Damit sind wir bei der Suche nach einer Quelle für die Suche des Menschen nach sich selbst. Dazu stellt der Alttestamentler Gerhard von Rad fest: „Immer sieht es [das AT] den Menschen in seinem Gegenüber zu Gott, sei es in Zukehr oder in Abkehr von ihm; es sieht ihn nie in einer geschichtslosen Verabsolutierung, sondern immer in eine Geschichte mit Gott gestellt (…).“ 2 Alle anderen Blicke auf sich selbst – die eigenen und die der Umwelt – werden gemessen an dem, was Gott über mich zu sagen hat. Dort allein steckt die letzte Antwort auf mein Menschsein. Weil Gott sich uns Menschen offenbart hat, können wir nicht nur ihn, sondern auch uns erkennen. In der alttest. Anthropologie wird unser Menschsein mit vier Wirklichkeiten wesentlich umschrieben. 3

Der Mensch wird in vier Wirklichkeiten beschrieben

Es begegnet uns zunächst einmal das ganz kreatürliche hebr. Wort „bāśār“. Meist mit „Fleisch“ übersetzt meint es unseren Körper, das Sichtbare des Menschen, das Materielle. Aber – und das ist wichtig – mit diesem Wort ist immer das Lebendige gemeint, nie wird ein Toter damit bezeichnet. Und doch schwingt da etwas Wesentliches mit: das lebendige Fleisch ist eben auch die schwache, für Krankheit und Leid anfällige, ja die dem Tod entgegengehende Seite des Lebens. Hans Walter Wolff nennt „bāśār“ darum: „der hinfällige Mensch“. Seit dem 8. Jhd. kennt die Kirche den gregorianischen Choral „Media vita in morte sumus“ – Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Was also ist der Mensch? Einer, der konfrontiert ist mit Ohnmacht und Vergänglichkeit. Wie gut aber, dass dies nicht alles ist.

Die zweite Wirklichkeit ist umschrieben mit dem hebr. Wort „rūaḥ“ – üblicherweise mit „Geist“ wiedergegeben. Der vielschichtige Begriff vom Wind und vom Atem, von der Lebens- und Willenskraft, vom Hauch und dem Nichtigen ebenso wie von Geist und Gesinnung. Gemeint ist alles, was in Bewegung ist und in Bewegung setzen kann. Wenn es um Gottes Geist geht, gilt: Er weht, wo er will (siehe Joh 3,8; 2 Kor 3,17). Gottes Geist ist das Lebenselixier, das uns Menschen erst lebendig macht: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem [rūaḥ] des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen [näpäš] (Gen 2,7). Darum ist festzustellen: Dass des Menschen Geist lebendig ist, das Gute will und in Vollmacht wirkt, kommt nicht aus ihm selbst. Gottes Geist aktiviert unseren Geist zum Guten. Darum meint „rūaḥ“ im biblischen Denken „den ermächtigten Menschen“. Gott bevollmächtigt uns Menschen – der Mensch ist nicht mehr Opfer seiner Umstände oder Schicksale – der Mensch kann und soll sein Leben gestalten. Zur Wirklichkeit der Hinfälligkeit kommt also die der Ermächtigung.

Die dritte Facette der Wirklichkeit ist benannt mit dem hebr. Wort „näpäš“ – in unseren Bibeln mit „Seele“ übersetzt. Wobei dieses Grundwort der alttest. Anthropologie leicht missverständlich sein kann. Im griechischen Denken der Antike sprach man davon, dass der Mensch eine Seele hat. Nicht wenige Christen haben dieses Denken übernommen: irgendwo in mir ist da was. Im hebräischen Denken aber spricht man davon, dass der Mensch eine Seele ist. Seele bezeichnet mein ganzes Sein als Geschöpf Gottes – untrennbar verbunden mit Fleisch und Geist. Wobei auch Seele – wie die vorhergehenden Grundworte – einen ganz besonderen Blickwinkel auf unser Menschsein bietet.

Der Hebräer denkt bei „näpäš“ zunächst einmal an die Kehle und verbindet das mit dem Verlangen (Hunger), der Gier, dem Begehren. Es ist die Sehnsucht danach, satt zu werden – körperlich wie geistig. Gemeint ist mit Seele also der bedürftige Mensch. So wird dieses Wort zum eigentlichen Ich des Menschen. Denn die Bedürftigkeit des Menschen ist seine Lebendigkeit. Wir haben in Gen 2,7 gelesen, dass der Mensch durch den Geist Gottes zu einem lebendigen Wesen, zu einer lebendigen Seele wird. Unsere Bedürftigkeit ist von Gott selbst ausgelöst, er selbst hat uns zu bedürftigen Menschen gemacht. Und damit ist dies keine Schwäche, sondern eine Gabe! Damit stellt sich die Frage nach der Erfüllung unserer Sehnsucht.

Einen Hinweis darauf gibt uns die Tatsache, dass in der Bibel auch die Rede ist von der „näpäš“ Gottes – von seiner leidenschaftlicher Sehnsucht nach uns Menschen! Das ist seine Antwort auf unsere Bedürftigkeit! Gott selbst ist die Adresse für unsere ganz berechtigten Bedürfnisse. Wir Menschen können einander die tiefste Lebenssehnsucht nicht stillen. Das war wohl das Missverständnis der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4). Wie oft auch immer sie es bei verschiedenen Männern versuchte, ihre Bedürftigkeit blieb ungestillt. Diesen untauglichen Versuch, unsere ganz berechtigte Sehnsucht an der falschen Stelle zu stillen, nennt die Bibel Sünde. Stattdessen sind wir als Geschöpfe eingeladen, mit unserer Bedürftigkeit in die Begegnung mit unserem Schöpfer zu kommen. Daraus fließen, wie besonders die Psalmen zeigen, Hoffen und Loben.

Der Mensch ist als der Hinfällige stets bedroht – er ist als der Ermächtigte in der Lage, dennoch zu handeln – und er ist als der Bedürftige eingeladen, seine Sehnsüchte und Bedürfnisse vor Gott zu bringen und dort Erfüllung zu suchen. Nach den uns bekannten biblischen Worten Fleisch, Geist und Seele fehlt nun noch eines: das Herz. Auch dieses hebr. Wort hat eine reiche Bedeutungsvielfalt. Bei „lēb“ denken wir nicht so sehr an das Gefühl, sondern viel eher an Vernunft, Wille, Verstand, Gewissen, an das Abwägen und Erkennen, an das Planen und unsere Entschlüsse. Das Herz umfasst gleichermaßen die emotionale wie die rationale Seite unserer menschlichen Existenz. Was wir in unserem modernen Denken dem Gehirn zuschreiben – die intellektuellen und rationalen Funktionen – wird im alttestamentlichen Denken üblicherweise dem Herz zugeschrieben. Darum nennt Wolff diese Seite von uns: „der vernünftige Mensch“.

Interessanterweise ist nun gerade das Herz der Hauptbegriff, um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch zu beschreiben. Also: „Wir sahen, das lēb am wenigsten das Gemüt meint, viel öfter hingegen und eigentlich kennzeichnend das Organ der Erkenntnis, damit verbunden schließlich den Willen, sein Planen, seine Entschlüsse und Absichten, das Gewissen und die bewusste und aufrichtige Hingabe im Gehorsam.“ Und damit ist deutlich festzustellen, „dass die Bibel mit dem Herzen vor allem das Zentrum des bewusst lebenden Menschen ins Auge fasst. Das weithin durchschlagende Proprium ist, dass das Herz zur Vernunft berufen ist, insbesondere zum Vernehmen des Wortes Gottes.“ 4
Was ist der Mensch? Die hebräischen Grundworte erinnern uns daran: er ist hinfällig und doch ermächtigt, er ist bedürftig und auch vernünftig. Ein dergestalt lebendiger Mensch ist mit all diesen Facetten das, was im biblischen Denken unter Leib verstanden wird.

Der Mensch kann nur als Leib erkannt werden

Leib ist kein modernes Wort mehr. Wir reden weithin nur noch vom Körper. Dabei ist Vorsicht geboten. Denn bei der Ersetzung eines Begriffes durch einen anderen kann sich unversehens auch die Bedeutung verändern. Ich denke z. B. an die Schöpfung, die wir heute gerne mit Natur ersetzen. Dabei ist aber mir nichts, dir nichts der Schöpfer auf der Strecke geblieben und die Gabe Gottes hat sich verselbstständigt. So ist auch der Leib weit mehr als ein Körper. Der US-Historiker Anthony Snyder weist in seinem großartigen Buch über die Freiheit darauf hin: „Das Deutsche kennt für das englische ‚body‘ zwei Wörter, Körper und Leib. Körper kann den Körper eines Menschen bezeichnen, aber auch einen ‚Fremdkörper‘, einen ‚Himmelskörper‘, den ‚Volkskörper‘ und andere Objekte, von denen angenommen wird, dass sie physikalischen Gesetzen unterliegen. Ein Körper kann lebendig sein, muss es aber nicht (man denke an den Leichnam). (…) Ein Leib ist ein Körper, physikalischen Gesetzen unterworfen, aber das ist nicht alles. Er hat seine eigenen Regeln und damit seine eigenen Möglichkeiten. Ein Leib kann sich bewegen, ein Leib kann fühlen, und ein Leib hat seine eigene Mitte (…). Wenn wir eine andere Person als Leib und nicht als Körper begreifen, sehen wir die ganze Welt anders.“ 5

Unsere Zeit unterliegt einem modernen Körperkult. Dabei denke ich weniger an Wellness, Schönheitswahn und ewige Jugend. Ich denke tiefer. Die Ver-Körperung des Menschen durch Ent-Leiblichung macht das Subjekt zu einem Objekt. Bei der letzten Fußball-EM der Männer sprach man plötzlich vom Spielermaterial. Ich denke auch an die russische Lüge, die Ukraine existiere nicht wirklich und Ukrainer seien eigentlich Russen. Und leichtfertig ersetzen wir unser Denken – das, wenn es gesund ist, stets verbunden ist mit Emotion und Empathie – durch eine künstliche Existenz. Die, nebenbei bemerkt, auch solch einen Wortverdreher darstellt: aus künstlich im Sinne von kunstvoll wird künstlich im Sinne von nicht echt menschlich. Snyder betont im Blick auf die sozialen Medien: „Isolation und algorithmisches Targeting zielen auf den berechenbaren Körper; Menschen, die einander begegnen, entdecken den Leib wieder.“ 6 Der Körper gehört zu seiner Körperschaft – ist also funktional. Der Leib aber gehört zur Leiblichkeit – ist also lebendig. In Hinfälligkeit und Ermächtigung, Bedürftigkeit und Vernünftigkeit.

Einen Körper kann man haben – einen Leib nicht. Der Mensch ist ein Leib! Darin stecken seine ganze Geschöpflichkeit, seine Einmaligkeit und Freiheit, seine Verschiedenheit und Verbundenheit. Darum wird die Kirche im Neuen Testament auch der Leib Christi genannt. Und Gemeinschaft kann nur leiblich gelingen, wenn wir uns als (funktionierenden) Leib und nicht nur als (funktionalen) Körper verstehen.

Was ist der Mensch?

Wir sind eingeladen, mit den vier Wahrnehmungen unseres Seins als leibhaftige Menschen zu leben. Und so mit Gott, unserem Schöpfer, der in seinem Sohn Jesus Christus leibhaftig geworden ist – in Leben, Sterben und Auferstehen – in Berührung zu kommen. Mit all unserer Hinfälligkeit und Ermächtigung – mit all unserer Bedürftigkeit und Vernünftigkeit. Mit all diesen Wirklichkeiten unseres Seins dann coram Deo – im Angesicht Gottes – leben. Das heißt leibhaftig glauben und leibhaftig leben!

Eine kleine Anregung zum Schluss: Wie wäre es in der kommenden Woche täglich mit Psalm 8 meditierend durch den Tag zu gehen? Sich dieses Gebet Davids zu eigen zu machen und auf einem kleinen Zettel beispielsweise in der Hosentasche mitzutragen? Und dieser Frage weiter zu lauschen: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt!


  1. Gerhard Ebeling; Dogmatik des christlichen Glaubens, Band 1; Berlin 1986; S. 351. 

  2. Gerhard von Rad; Theologie des Alten Testaments, Band II; München 1975; S. 369. 

  3. vgl. für das Folgende besonders: Hans Walter Wolff; Anthropologie des Alten Testaments; 6. Aufl. Gütersloh 1994; S. 21-95; sowie: Georg Fohrer; Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament (HAW); 2. durchges. Aufl., Berlin und New York 1989; Ernst Jenni, Claus Westermann; Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, Band I+II; München 1978. 

  4. beide Zitate: Wolff, Anthropologie S. 90. 

  5. Timothy Snyder; Über Freiheit; München 2024; S. 43f. 

  6. Snyder a.a.O. S. 116. 

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