Eine Bogenschützin steht mit gespanntem Bogen in der untergehenden Sonne.

Freiheit. Fokus. Loslassen.

Was ich beim Bogenschießen erlebe

Die Wetter-App zeigt trockenes Wetter, sogar ein bisschen Sonne und 5 bis 7 Grad. Warm genug, um sich mit ausreichend heißem Tee und Proviant im Freien aufhalten zu können. Also steht mein Entschluss fest: Raus und auf den Platz!

Inzwischen schon etwas geübter, packe ich Mittelstück, Wurfarme, Pfeile und Köcher, Finger- und Armschutz, Sehne, Bogenspanner und -ständer in meine Fahrradpacktaschen. Mein Ziel ist das alte Fußballstadion, das von den Bogenschützen inzwischen als Trainingsplatz genutzt wird. Manchmal komme ich ganz alleine hierher, umgeben von sichtverdeckenden Bäumen und Hecken, auch die Straße hört man kaum. Über mir der Himmel und vor mir grüne Freiheit. Ab und zu zieht ein Schwarm Wildenten über mich hinweg, ansonsten stört mich niemand.

In Ruhe baue ich meinen Bogen zusammen, und dann geht es los: Spannung aufbauen, langsam und eins nach dem andern. Finger, Arme, Schultern, Nacken, Rücken. Die Spannung halten, einatmen, ausatmen. Loslassen. Nichts Schöneres, als dem fliegenden Pfeil hinterher zu sehen … Und dann wieder von vorne, bis der Köcher leer ist.

Besonders schwierig ist es nicht, im Prinzip. Aber es bringt meinen Leib und meine Seele in Verbindung, und ich erkenne so viel über mein Leben. Die Bogenspannung halten ist wichtig, nicht zu kurz, aber vor allem auch nicht zu lang! Der Bogen wird sonst überspannt, und der Fokus geht verloren. So habe ich es die letzten Jahre oft erlebt. Wenn Anspannung zu lange gehalten werden muss, ver-spannt sich was. Bei mir ganz konkret der linke Schulterbereich, der sich über die Jahre chronisch verfestigt hat. Interessanterweise sind es genau diese Muskeln, die ich benötige, um den Bogen zu spannen, und die ich beim Loslassen gezielt wieder entspanne… Die Last der Verantwortung für Menschen und für Projekte, aber auch ungelöste Fragen, hartnäckige Sorgen, Frust oder die erwachsen werdenden Kinder – all das lässt sich ohne weiteres in den Bogen „einspannen“, um es dann loszulassen.

Es macht Freude und bringt Erleichterung, die Pfeile zügig nacheinander zack, swusch durch die Luft sausen zu lassen. Fatal ist nur der Übermut. Auf einmal knallt es. Die Zielscheibe steht auf Rollen, mit metallener Halterung. Man muss sich schon sehr ungeschickt anstellen, um auf Metall zu treffen. Die Wucht des Aufpralls sprengt erbarmungslos die Metallspitze vom Holzpfeil ab. Ich krabble auf allen Vieren um die Zielscheibe, taste sorgsam den Rasen ab – und finde die Spitze tatsächlich wieder. Also, das passiert mir nicht nochmal! … - doch! Schon kurze Zeit später muss der zweite Pfeil dran glauben. Diesmal packt mich zum Ärger auch Traurigkeit, Selbstzweifel, Enttäuschung.

Zerknirscht lasse ich die übrigen Pfeile in den Köcher gleiten und übe weiter. Etwas später beim Pfeileholen merke ich mit Erschrecken: einer meiner schönen Pfeile fehlt! Wieder scanne ich konzentriert den Boden ab, um irgendwo ein kleines Stück bunte Feder zu entdecken. Erstaunlich, wie der ehemalige Fußballrasen meine Pfeile regelrecht „verschluckt“. Bisher habe ich alle Pfeile wiedergefunden. Diesmal nicht.

Tief verunsichert fahre ich nach Hause. Es lässt mir keine Ruhe. Unwillkürlich denke ich an die „verschossenen“ Pfeile meiner letzten Jahre, was ich mit Elan und Überzeugung begonnen, aber nicht zu Ende gedacht habe, was am Ende gescheitert ist oder abgesagt wurde. Das tut weh. Aber der eine Pfeil ist ganz verschwunden. Unwiederbringlich. Das ist fast noch schwerer zu ertragen. Ein Mensch, für den ich mich investiert habe, entzieht sich mir, bricht den Kontakt ab, wird unerreichbar.

Meditatives Bogenschießen ist nicht unbedingt „meditativ“, nicht immer entspannend und leicht, aber es zieht mich immer wieder auf den Platz. Freiheit bedeutet, ohne Zielscheibe einfach ins Blaue zu zielen, die Pfeile über den ganzen Platz fliegen zu lassen. Vertrauen bedeutet, den Bogen zu spannen und die Augen zu schließen und mich überraschen zu lassen, wo ich den Pfeil wiederfinde. Loslassen. Ich werde nie damit fertig sein.

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