
Körperlich glauben
Ich bin ein evangelischer Kopfmensch. Ich mag Texte und Zahlen, studiere gern biblische Zusammenhänge und geistliche Themen. Wenn ich bete, ringe ich nach passenden und echten Worten. Mein Glaube findet viel in mir drin statt.
In den protestantischen Landes- und Freikirchen sieht das oft ganz ähnlich aus: Im Gottesdienst hören wir auf die Bibel und die Predigt, wir denken mit und achten darauf, was Gott uns heute sagen möchte. Im Hauskreis sitzen wir, reden, lesen einen Bibeltext, hören, verstehen und formulieren Gebete.
Wir Christen sind heute nicht mehr wirklich leibfeindlich, aber immer noch überwiegend leibvergessen. Zwar liegen Sport, Fitness, Ernährung, Schönheit voll im Trend und wir kümmern uns – mehr oder weniger gut – um unseren Körper, aber für unseren Glauben spielt er keine große Rolle. Der ereignet sich in unseren Gedanken, nicht in unserem Leib. Wir haben so gut wie jede Körpererfahrung aus unserem Glaubensleben verbannt.
Bitte nicht falsch verstehen: Wir brauchen eine gut durchdachte Theologie, wir brauchen das Ringen um Wahrheit und Erkenntnis. Apologetik und Sprachfähigkeit bleiben gefragt. Hier geht es mir aber um die notwendige Ergänzung eines leiblichen Glaubens.
Ich bewege mich sehr gerne. Mit meinen Kindern bin ich oft draußen, spüre den Wind, die Weite und Gottes geniale Schöpfung. Wenn ich mich auf dem Rad auspowere, geht es mir nachher richtig gut. Und ich frage mich: Wie kann ich das zusammenbringen? Wie können uns körperliche Erfahrungen in eine Begegnung mit Gott führen? Wie kann ich Glaube und Körper gut verbinden, ohne in eine seltsame oder esoterische Richtung abzudriften? Welche Rolle spielt mein Leib für meinen Glauben?
Leibhaftig sein
Eine Idee davon bekam ich ironischerweise, als wir im Haus der Hoffnung gemeinsam Bibel lasen: Die Geschichte mit den zehn Aussätzigen in Lukas 17. Wie oft habe ich das schon gelesen! Aber beim Bibelteilen eröffnete sich mir ein neuer Blick. Wie viel Bewegung steckt in der Begegnung mit Jesus: Er sitzt nicht im Stuhlkreis oder in der Kirchenbank, sondern wandert nach Jerusalem. Die Zehn sollen zu den Priestern gehen. Lk 17,14: Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Sie wurden also beim Laufen gesund. Körperliche Heilung! Beiläufig. Und: Einer kehrt um; nicht im Herzen, sondern leibhaftig. Er fällt zu Jesu Füßen und dankt ihm mit lauter Stimme. Jesus sagt ihm (Lk 17,19): Steh auf und geh hin! Da passiert was! Da bewegt sich was! Ganzheitliche Aktion, mit Haut und Haaren!
Zum ersten Mal fiel mir auf, dass Jesus den Schwerpunkt auf körperliche Begegnung, Heilung, Aktion legt. Und noch grundlegender: Der Sohn Gottes ist leibhaftig auf die Erde gekommen und Mensch geworden. An Weihnachten feiern wir Gottes Fleischwerdung. Das klingt für uns schon so normal, ist aber im Grunde revolutionär. Gott ist Körper. Gott ist Leib. Jesus war nicht nur Fleisch, er musste Fleisch werden. Theoretisch hätte er als fertiger 30-Jähriger auf die Welt kommen und relativ schnell sein Lehr- und Heilsprojekt abschließen können. Doch er musste Fötus, Baby, Kleinkind usw. werden. Es reichte nicht, einen Körper zu haben. Er musste wirklich einer sein. Bei Sam Allberry las ich den wunderbaren Satz: „Die Menschwerdung Jesu ist das höchste Kompliment, das der menschliche Körper jemals bekommen hat.“ Und der Körper Jesu war nicht nur ein Weihnachtspullover. Nein, er war für das ganze Leben – auch das himmlische – bestimmt. Er wurde leibhaftig von den Toten auferweckt und kehrte zu seinem Vater in den Himmel zurück. Dabei hat er seine Menschlichkeit nicht abgeworfen wie eine Raumfähre ihre Trägerrakete.
Weil der Weg Gottes zu
uns Menschen leibhaftig
geworden ist, kann der
Weg zu Gott nicht am
Leib vorbeigehen.
C.S. Lewis bringt es auf den Punkt: „Das Christentum ist nahezu die Einzige unter den großen Religionen, die den Körper durch und durch bejaht. Aus christlicher Sicht ist Materie etwas Gutes. Gott selbst hat einmal einen menschlichen Leib angenommen, und wir werden auch im Himmel einen irgendwie gearteten Körper bekommen, der dann ein wesentlicher Teil unserer Seligkeit, unserer Schönheit und unserer Kraft sein wird.“
Weil der Weg Gottes zu uns Menschen leibhaftig geworden ist, kann der Weg zu Gott nicht am Leib vorbeigehen. So wie der Glaube zur Tat werden muss und in die Hände und Füße rutscht, damit er nicht nutzlos und tot sei (Jak 2,17f), so gilt ebenso: Der Glaube darf manchmal von den Händen und Füßen in den Kopf rutschen. Es gibt Zeiten, da betet zuerst mein Körper. Gegen das Zuviel im Kopf: Ich atme durch, kniee mich hin, falte die Hände, spreche ein vorformuliertes Gebet oder einen Psalm. Und dann glaube ich meinem Körper hinterher. Mein unsortiertes Inneres darf ihm einfach folgen, ohne große eigene Überlegungen und Anstrengungen. Und nach einer Zeit des Wachwerdens kommt beides wieder zusammen. Nochmal C.S. Lewis: „Was der Körper tut, hat Auswirkungen auf die Seele.“
Kein Gebet ohne Körperhaltung
Wie das praktisch aussehen kann, zeigt uns der fast 750 Jahre alte Text „Wie der selige Dominikus leiblich betete“. Darin werden neun verschiedene Körperhaltungen für eine leibliche Gebetspraxis beschrieben, die eine tief verwurzelte Ganzheitlichkeit widerspiegeln: Z. B. demütiges Verneigen mit Bitte um Erbarmen, sich flach auf den Boden werfen als Buße, knien mit Blick zum Kreuz, stehen mit ausgebreiteten Armen sowie meditatives Gehen mit Beten von Psalmen.
Für den Ordensgründer Dominikus ist das Gebet verleiblichter Glaube. Vielleicht erscheint dir manches als selbstverständlich oder anderes als fremd. Entdecke, was in deiner Nachfolge Jesu neu „verkörpert“ werden kann!
Was macht eigentlich dein Körper, während du betest? Wie erlebst du deinen Leib beim Beten? Es gibt ja gar kein Gebet ohne Körperhaltung. Er ist bzw. ich bin ja immer mit dabei. Aber wie?
Aufrecht stehen, im Stehen beten ist die primäre christliche Gebetshaltung, die die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes und seine österliche Existenz ausdrückt. Im Kreuz treffen sich Vertikale und Horizontale. Ebenso richtet sich der stehende Mensch mit ausgebreiteten Armen zwischen Himmel und Erde auf. Weil wir mit Christus zum neuen Leben auf-er-standen sind, stellt er unsere Füße auf neuen, weiten Raum (Ps 31,9): Steht fest im Herrn (Phil 4,1) und erhebt eure Häupter (Lk 21,28).
Auffällig, dass Dominikus auch das Gehen bzw. Schreiten erwähnt. Das wandernde Gottesvolk Israel ist geprägt vom Exodus aus Ägypten und dem Einziehen ins gelobte Land. Psalm 116,9: Ich gehe meinen Weg vor dem Herrn im Land der Lebenden. Christen werden zunächst die des Weges genannt (Apg 9,2); wir sind unterwegs auf dem Weg der Nachfolge mit und zu Gott. Und so wie Jesus als Wanderprediger viel unterwegs war, so kann es auch für uns mehr als nur ein Symbol sein: Wie können wir uns – als Ausdruck unserer Gottesbeziehung – bewegen? Ich denke dabei an Spaziergänge mit Jesus, Pilgern, Tanzen und spirituelles Laufen. Beziehe Jesus bei deinen Sporteinheiten und Workoutsessions mit ein! Und übrigens: Hoffen kommt ja von hüpfen.
Zuletzt denke ich auch an meine Pilgererfahrungen in der orthodoxen Mönchsrepublik auf dem Athos, einer Halbinsel in Griechenland. Wo über zweitausend Mönche ihr Leben Christus radikal hingegeben haben, ist auf ganz besondere Weise etwas von den leiblichen Berührungen mit Gottes Gnade zu erfahren. Manches bleibt mir fremd, doch ich lasse mich darauf ein und werde beschenkt. Ich stehe um 3.30 Uhr auf und gehe für fast vier Stunden in den täglichen Gottesdienst. Ich bekreuzige und verbeuge mich, die meiste Zeit stehe ich. Staunend sehe ich Kerzen, Gold und Ikonen. Die Bibel wird geküsst. Ich rieche den Weihrauch und lausche der Liturgie, den gesungenen Gebeten und lobe den Allmächtigen. Im Gespräch mit Vater Isaak tauche ich tiefer in Theorie und Praxis des Jesusgebetes ein. Die Mönche beten ohne Unterlass (1 Thess 5,17) in ihrem Herzen und verbinden das mit dem Atem, so dass der Leib mit der Gewohnheit wie von alleine beständig betet: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner! Wenn ich atme, hört sich das wie der Gottesname an: Jah-we. Probiere es mal aus!
Nicht alles kann ich für meinen Alltag übernehmen, aber ich möchte eine sakramentale Haltung einüben, aus der Taufe leben, das Abendmahl feiern (Leib Christi!), Segen und Salbung erfahren (Jak 5), mich bekreuzigen und den Gottesdienst als Handeln mit dem ganzen Leib feiern (z. B. Bibliolog und Thomasmesse).
Mit Paulus ermutige ich zur Hingabe des Leibes (Röm 12,1f). Selbst alltäglichste Handlungen - schlafen, essen oder putzen – können zum Gottesdienst werden. Gib Gott die Ehre; auch mit deinem Körper (vgl. 1 Kor 6,20). Und begegne Gott so, wie er uns begegnet: als Mensch mit Leib und Seele.