Ich brauche Trost. Wenn mein Körper nicht so will wie ich. Bild zum Artikel.

Ich brauche Trost

Wenn mein Körper nicht so will wie ich

Ich stehe vor einem Zettelaushang – wie die, mit denen jemand etwas zum Verkauf anbietet. Doch darauf steht: „Nimm dir, was du brauchst!“ Unten auf den kleinen Abreißzetteln steht: Liebe. Freude. Ruhe… und Trost. Ich merke, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Anscheinend ist es das, was ich brauche. Es war mir nicht bewusst.
Nach einer Weile reiße ich den kleinen Zettel ab und nehme ihn mit. Ich nehme Trost mit und auf erstaunliche Weise gehe ich getröstet weiter.

Ich bin chronisch krank. Schon lange. Ich habe einige Krankheiten, auch seltsame, und meistens ist die Spalte auf dem Fragebogen beim Arzt für „sonstige Krankheiten“ zu klein für alle. Aber trotz allem geht es mir die meiste Zeit körperlich sehr gut! Dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Allerdings ist mein Alltag voller Arzttermine, meinen eigenen und auch den ganz normalen Terminen meiner Kinder. Zusätzlich muss ich mit den unterschiedlichen Nebenwirkungen meiner Medikamente klarkommen. Das alles braucht Zeit und Kraft.

Und es ist immer wieder ein Ringen mit Gott. Da bin ich schon so viele Wege mit ihm gegangen. Leider hilft jede überstandene Krise nicht automatisch für die nächste. So haut es mich oft wieder um. Ich kämpfe wie ein Kind, bis ich endlich wieder einwillige. Ja sage zu meinen Schmerzen. Ja sage zu dem, was ich geplant, worauf ich mich gefreut hatte, und was wieder nicht geht und ich absagen muss.

Ich bin froh, dass Gott mein Wüten aushält, die Dinge, die ich ihm an den Kopf werfe. Manchmal will ich ihm am liebsten gegen das Schienbein treten. Doch dann sind es diese kurzen Momente und ich sage, so wie neulich (wenn auch eher trotzig): „Okay, du Herr, darfst meine Pläne durchkreuzen“. Sofort kam mir, viel versöhnter mit ihm, der Gedanke: „Wenn nicht er, wer dann?“ Er ist doch der, der es gut mit mir meint!

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Autofahrt, auf der ich schwer mit Gott diskutiert habe. Es war auf der Rückfahrt, nachdem ich meinen Mann zehn Tage vor Weihnachten mit Lungenentzündung im Krankenhaus lassen musste. Wir waren gerade erst am Ankommen in der OJC, der Umzug noch unfertig und mein Mann hatte neu in seinem Arbeitsbereich angefangen, in dem ein Berg Arbeit auf ihn fiel. Wütend, weil alle meine Gebete und Argumente einfach nicht erhört wurden, habe ich Gott an den Kopf geschmissen: „Du machst doch eh, was du willst!“ Wie ein Blitz durchschoss mich der nächste Gedanke: „Ja Gott sei Dank! Gott sei Dank machst du, was DU willst!“ Denn das ist tatsächlich das Beste, er hat den Überblick und meint es gut mit uns!

Zusätzlich hat mein Mann auch einige chronische Krankheiten, und gerade in den letzten Jahren hat er oft Schmerzen. Sehr oft plagen ihn Kopfschmerzen. Dann ist er nicht er selbst und ich vermisse ihn. Das schmerzt. Und bei neuen, unklaren Schmerzen, oder wenn es einfach nicht besser wird, spüre ich seine Sorge.

Das katapultiert mich in eine Ohnmacht und Hilflosigkeit, ich bleibe wie gelähmt stehen. Ich ahne, dass da etwas Altes mitmischt. Das Gefühl: Dem Menschen, den ich am meisten liebe, kann ich nicht helfen! Ich kann nichts tun, was sein Problem löst, ich kann seine Schmerzen nicht wegnehmen! Und dann – dann bin ich auch weg, emotional nicht da für ihn. Obwohl er es so sehr bräuchte. Irgendwann habe ich durch Gespräche mit meinem Mann verstanden, dass es ihm hilft, wenn ich bleibe. Es war und ist für mich regelmäßig eine Entscheidung, die mich wirklich Kraft und Überwindung kostet. Eigentlich kann ich nichts tun, als bei ihm zu bleiben und mich nicht emotional zurückzuziehen, ich kann sein Problem nicht lösen.

Im letzten Jahr war ich in einer Mütterkur, und eine Frage, die ich mitgenommen hatte, war genau die: Wie gehe ich damit um, wenn es meinem Mann schlecht geht, was kann ich außer Dableiben noch tun? Im Gespräch sagte die Therapeutin sehr deutlich: „Schätzen Sie das Beistehen nicht gering! Das ist Lastentragen. Das kostet Kraft.“ Es ist eine Lüge, dass es nichts gibt, was ich tun kann, das ihm hilft. Ich kann etwas tun, nämlich genau das: Ich kann ihm beistehen. Ihn trösten, einfach indem ich da bin. Ihn nicht alleine lassen in seinen Schmerzen und der Ungewissheit, wie lange es diesmal wieder dauern wird. Und das ist tatsächlich eine Hilfe! Mein Kopf fand den Gedanken noch komisch, aber ich spürte auch vorsichtig eine Wahrheit durchschimmern.

Jesus ist mit mir drangeblieben und zeigte mir in der folgenden Zeit langsam und zärtlich, dass er genau das Gleiche tut. Mir beistehen. Mich nicht alleine zurücklassen. Mich trösten.

Trost. Er begleitet mich nun seit einiger Zeit. Seit diesem kleinen Zettel. Dass jemand mit mir ist, mich nicht verlässt, mich sieht, mich hält, um alles Schwere weiß, was ich trage, es nicht kleinredet, es mit mir aushält und es mit mir trägt. Jeden Freitag im Abendmahl unserer Gemeinschaft beten wir beim Sündenbekenntnis: „Herr, wir bekennen dir, … dass wir in Not waren, ohne deinen Trost zu suchen.“ Das berührt mich jedes Mal. Wenn wir in Not sind, brauchen wir Trost! Ich will seinen Trost suchen.

Mich hat der Vers aus Psalm 23 neu gefunden: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Und ich erinnere mich an einen Satz von Klaus Sperr: „Das finstere Tal ist per se kein Unglück, weil er da ist!“ Das nimmt mir den Schrecken vor der Dunkelheit.

Einmal habe ich aufgeschrieben: In meinem finsteren Tal der Schmerzen ist es lang dunkel. Ich gehe durch die Finsternis. Aber ich bin sicher. Weil der Hirte, mein Hirte!, an meiner Seite ist. Mit mir geht. Ich sage Ja zu meinen Schmerzen, und dann gehe ich weiter, nur den nächsten Schritt, mehr muss ich nicht.

Das ist alles nicht neu, aber mich tröstet es ganz neu. Und wenn mich Angst und Ohnmacht wieder überfallen? Da hilft dem panischen, verschreckten Kind in mir nicht die alte Strategie: Es gibt immer einen Weg, reiß dich zusammen, nimm alle Kraft! Dabei fühlt es sich allein und völlig überfordert – das ist purer Stress und super anstrengend! Stattdessen braucht mein inneres Kind das Wissen, die Zusage: Du bist nicht allein! Es braucht Trost, Trost und nochmal Trost.

Vor Jahren saß ich mit meiner Tochter in einer Mutterkindgruppe. Dort hatte eine Franziskanerin mit kleinen Figuren die Geschichte des verlorenen Schafes mit den Kindern nachgespielt. Am Ende kam das für mich Entscheidende. Mit den Worten: „Manchmal brauchen die Mamas auch einen Hirten!“, holte sie plötzlich hinter einer Stellwand einen echten, lebensgroßen Hirtenstab hervor, der uns alle erstmal erschreckt hat. Das ist mir so eindrücklich in Erinnerung geblieben: Ich habe meinen Hirten, zu dem ich immer gehen darf, und er ist mächtig!

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