
Pedale, Sand und Seele –
- Grenzerfahrung
- Anstiege und Gegenwind
- Ausgeliefert
- Freude, Zufriedenheit und Rückenwind
- Die Wüste als Höhepunkt
Was passiert, wenn man zwölf Jahre Leitungsverantwortung auf dem Fahrrad verarbeitet?
5.000 Kilometer durch Regen, Gegenwind und Wüste führten mich an meine Grenzen – und darüber hinaus. Dort, wo das Nichts alles wurde, fand ich neue Klarheit und Freiheit. Ein Erfahrungsbericht über Erschöpfung, Vertrauen und die Kraft des Loslassens.
Das Körpergedächtnis ist eine faszinierende Sache! Über unsere Sinnesorgane und Bewegungsabläufe nehmen wir alles auf, was wir erleben: das Schöne und das Schwierige, das Erbauliche und das Erdrückende. All das speichert sich in uns ab und kann wieder abgerufen werden. Natürlich gibt es die bewussten Erinnerungen – doch dieses Gedächtnis ist wie ein Hund: Es legt sich hin, wo es will. Das Leib- oder kinästhetische Gedächtnis hingegen ist „roher“, weniger von Reflexion, Wünschen oder Erwartungen überlagert. Wenn eine leibliche Erinnerung auftaucht, übermannt sie uns. Glücks- oder Schockmomente sind plötzlich wieder präsent – körperlich spürbar, ohne Vorwarnung.
Vor zwölf Jahren wurde ich zum Prior der OJC gewählt. Nach drei Amtszeiten, so regelt es unsere Ordnung, scheidet der Prior aus dem Amt aus und nimmt sich eine Auszeit, um die Jahre bewusst Revue passieren zu lassen und offen für den nächsten Lebensabschnitt zu werden. Diese Zeit war für mich prägend – voller wunderschöner, aber auch herausfordernder Phasen. Oder anders gesagt: Es war die anstrengendste und zugleich inspirierendste Zeit meines Lebens. Zwar habe ich viele meiner Erfahrungen und Erlebnisse in meinen Stille-Zeit-Büchern festgehalten, doch zur Verarbeitung brauchte ich etwas anderes: meinen Körper. Sechs Wochen lang wollte ich allein mit dem Fahrrad unterwegs sein. 45 Tage Zeit, um 5.000 Kilometer und 29.000 Höhenmeter zu bewältigen – mit unzähligen Tagen Dauerregen und Gegenwind. Mein Ziel: die marokkanische Wüste!
Grenzerfahrung
Mit dieser Tour verarbeitete ich die letzten zwölf Jahre als Prior der OJC-Kommunität – körperlich und seelisch. Die körperliche Anstrengung half mir, mich innerlich auseinanderzusetzen. Die Reise anzutreten war meine Entscheidung – die Umstände jedoch oft nicht. Hätte ich mir weniger Regen, Gegenwind und streunende Hunde gewünscht? Absolut. Aber rückblickend war es genau richtig so. Eine zentrale Erkenntnis dieser Reise: Im Leben bekommen wir nicht, was wir wollen, sondern das, was wir brauchen. Diese Wahrheit hatte ich auch in meiner Leitungszeit immer wieder erlebt.
Die Fahrradtour brachte mich dazu, auf eine neue, unmittelbare Weise zu beten. Die physischen und psychischen Grenzen führten zu zahlreichen Stoßgebeten: Herr, lass den Regen aufhören oder gib mir die Kraft, damit umzugehen. Schenke mir einen geeigneten Schlafplatz. Hilf mir, diesen Berg zu schaffen. In diesen Momenten erlebte ich einen Gott, der sich sorgte – um mich ganz persönlich. Diese Erfahrung war eines der größten Geschenke dieser Reise.
Anstiege und Gegenwind
Ich spürte körperlich die Anstiege, die Kälte, den kraftraubenden Gegenwind. Bei jeder Auffahrt durchlebte ich die anstrengenden Phasen meiner Leitungszeit noch einmal. Mit jedem Tritt in die Pedale konnte ich die Last benennen, sie körperlich „abarbeiten“ – und bei der Abfahrt Gott zurückgeben. Der Fahrtwind wurde zu einem Symbol für Freiheit und Dankbarkeit.
Es gab jedoch auch Tage, an denen scheinbar alles perfekt war: glatter Belag, kaum Höhenmeter, kein Regen – doch massiver Gegenwind mit Böen bis zu 70 km/h. Dieser Wind erinnerte mich an den medialen und politischen Gegenwind, den wir als Werk erlebten, oder an Kritik aus den eigenen Reihen. Noch schwieriger waren jedoch die inneren Widerstände: meine eigene Lustlosigkeit oder biografische Bruchstellen, die in der Leitungszeit aufbrachen. Diese unsichtbaren, aber spürbaren Widerstände waren wie der Wind – kraftvoll und hartnäckig.
Ausgeliefert
Trotz Schutzkleidung war ich den Elementen oft ausgeliefert. Nach stundenlangen Regengüssen und schweißtreibenden Anstiegen fühlte ich mich wie gelähmt. Diese Erfahrung brachte mich zurück in Situationen, in denen ich nichts mehr tun konnte. Alles Reden und Wirken schien sinnlos – wie oft hatte ich das auch in meiner Leitungszeit erlebt.
Der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Viktor E. Frankl, war mir durch seine Bücher ein ständiger Begleiter in meiner Amtszeit und auf der Fahrradtour. Er schrieb, dass wir selbst in aussichtslosen Situationen, an denen wir wirklich äußerlich nichts ändern können, die Freiheit haben, unsere Einstellung zu ändern. Damit ändert sich an den Umständen nichts, doch der andere Blick verändert unsere Haltung und wie wir darauf reagieren.
Das musste ich in der Leitungszeit üben, wenn z. B. alle Türen zu blieben, Konflikte ausweglos erschienen oder das OJC-Konto wieder leer war. Meine Ohnmacht konnte ich dann nur Gottes Vollmacht anvertrauen und seinen Blick auf die Dinge gewinnen. Mehrfach und dankbar musste ich auf dieses innere Werkzeug bei der Radtour zurückgreifen. Regen, Gegenwind und Höhenmeter kann ich nicht ändern. Aber meine Haltung dazu schon.
Freude, Zufriedenheit und Rückenwind
Es gab aber ebenso viele schöne Momente in meiner Leitungszeit und erst recht auf dieser langen Strecke. Ein unvergessliches Geschenk war ein Tag mit 50 km/h Rückenwind. In wenigen Stunden fuhr ich 220 Kilometer durch die Wüste – ein Gefühl von Leichtigkeit und Dankbarkeit. Solche Momente erinnerten mich an Zeiten, in denen Projekte wie von selbst vorankamen, Menschen initiativ wurden und Ideen fruchtbar umgesetzt wurden.
Die Wüste als Höhepunkt
Die Wüste war der ersehnte Höhepunkt meiner Reise: Mich faszinierte schon seit längerem und im Lesen über die Wüstenväter (3.-4. Jhd.) die Wüste. Sie war das Sinnbild, was ich wieder werden wollte. In der äußeren Leere konnte ich innerlich leer werden. Wo nichts war, konnte ich alles sein. Diese Wüsten-Leere bedeutete für mich die eigentliche Fülle, in der die Hektik des Alltags und der vergangenen zwölf Jahre ihre Macht verloren. Das Nichts wird zu meinem Alles. In der Fremde und in meinem Nichts kann Gott wieder alles sein.
Durch diese Reise wurden Seele und Körper wieder eins. Meine Frau bemerkte nach meiner Rückkehr: „Du bist verändert – ruhiger, bei dir selbst.“ An diese Erfahrung können nun Seele und Körper jederzeit anknüpfen. Neulich machte ich mit dem Rad eine Tagestour von Greifswald nach Berlin. Danach fühlte ich mich ruhig, entspannt und erwartungsfrei. Ich brauchte nichts, wollte nichts – ich war einfach nur zufrieden.